30.000 ha Kohle – und ein paar europäische Hoffnungsschimmer
Erasmus+ 02. Februar 2026
Von Ralf Kakies
Während in Galicien zehntausende Hektar Wald verbrannt sind, setzen Jugendliche aus Deutschland, Belgien und Spanien ein Zeichen: Im Rahmen des ERASMUS+-Projekts „future-european-forests“ reisen sie in die betroffenen Regionen, legen Wiederaufforstungsflächen an und untersuchen, wie resilientere Wälder entstehen können.
Der Artikel zeigt, wie aus Bildung für nachhaltige Entwicklung konkretes Handeln wird – und wie europäische Zusammenarbeit dort ansetzt, wo 30.000 Hektar Kohle neue Hoffnung brauchen.
Bildung für nachhaltige Entwicklung durch das Entwickeln von etwas Nachhaltigem!
Ralf Kakies
future-european-forests – ein langfristiges ERASMUS+Schule-Projekt, das als Beispiel zur Förderung von green-competences im EU-GATE-Projekt entwickelt wird.
Christian Schweihofen, Oberstufen-Kolleg Bielefeld
Im Rahmen einer Herbstexkursion vom 15. bis 30.10.2026 reisten 12 Oberstufen-KollegiatInnen und 7 belgische Schüler der OLVP Sint Niklaas zur Partnerschule Monte da Vila nach O’Grove in Galicien, um dort nach katastrophalen Waldbränden eine Wiederaufforstungsuntersuchung anzulegen. Die Jugendlichen kannten sich schon aus Videokonferenzen und einige aus früheren Begegnungen. In diesem Teilprojekt ging es um die längerfristig geplante Anlage einer Untersuchung in Froxán (2022, 12.500ha Waldbrand; Projekte seit 2023) und eine kurzfristig ins Programm aufgenommene Begehung der im August 2025 verbrannten Nachbartäler in der Region Ourense (insgesamt etwa 70.000ha Waldbrände), in denen gesammeltes Saatgut eingebracht werden sollte.
Für einen filmischen Einblick nutzen Sie bitte den link.
Für mehr Hintergründe und weiterführende Informationen lesen Sie gerne weiter.
Aktuelle Entwicklungen, Probleme und die Möglichkeit von Schule, deren Lösungen zu erproben
Man hat ja schon manchmal den Eindruck, dass die Schulen weiterhin Stoff so vermitteln, als wenn absehbare globale Notlagen und akute politische Krisen nicht existierten und als wenn wir noch Jahrhunderte Zeit hätten, weitere Millionen junge Menschen durch die Schulen zu schleusen, damit sie irgendwann später – aber bloß nicht zu früh und bloß nicht alle – anfangen, die Welt zu einer nachhaltigeren Welt zu verändern. Wir dürfen uns weiterhin ein bisschen an Problemorientierung versuchen, um in einzuübenden Klausurformaten akademisch Lösungen zu diskutieren, um dafür Punkte und Noten zu erhalten. Wir lernen, uns mit künstlicher Intelligenz in ihren energiezehrenden elektronischen Simulationen die Welt wieder grün und bunt zu malen, die unsere wirtschaftliche, soziale und lebenspraktische Intelligenz eher grau, heiß und artenarm macht. Oder wir fliegen dorthin, wo es noch schön und erträglich ist – aber bitte nicht allzu fremd.
Zum Glück gibt es aber noch Kollegiatinnen und Kollegiaten, die sich phasenweise von diesem Unterricht freistellen lassen, zudem große Teile ihrer Herbstferien investieren und den verpassten Klausurstoff nachholen, um auch etwas anderes, Reales zu tun.
Umsetzung der „Verordnung zur Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme“.
future-european-forests, eine langfristige ERASMUS+ Schule – Projektreihe
Das Oberstufen-Kolleg engagiert sich lokal, in Thüringen und in Galicien in Projekten, die exemplarisch am Ökosystem Wald versuchen wollen, kleine langfristige Untersuchungen zu Strategien der Wiederaufforstung oder Waldumwandlung hin zu resilienteren Ökosystemen anzulegen und zu begleiten (link WE-Jahrbuch). Die Kollegiatinnen und Kollegiaten sehen den Problemen von Klimawandel und Kahlschlagspraxis, von Bränden und Borkenkäfern mutig – wenn auch manchmal verletzlich – ins Auge, nehmen sie aber an und machen sich dann um tatsächliche kleine Lösungen Gedanken, deren Effekte wir künftig begleitet werden.
SchülerInnen aus Belgien, Spanien und Deutschland pflanzen und säen Bäume, wo kein Saatgut für eine artenreiche Naturverjüngung sorgen kann.
Den „GreenComp – der Europäische Kompetenzrahmen für Nachhaltigkeit“ mit Leben füllen.
Kenntnissen, Fähigkeiten und Haltungen für das Projekt und im Projekt erwerben
Das Arbeiten in einem solchen Projekt ist eine echte, komplexe Anforderungssituation, die die Lernenden freiwillig gewählt haben und für deren Bewältigung sie vertieftes Wissen über ökologische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Aspekte benötigen, Kenntnisse zur Planung kleiner wissenschaftlicher Untersuchungen, Fähigkeiten zur Kooperation und zum praktischen Arbeiten, den Mut und die Geduld zu Absprachen in der Gruppe aber auch mit den politisch Verantwortlichen in der lokalen Waldverwaltung und für all das ein erhebliches Maß an Visionen und Wertschätzung in Bezug auf Nachhaltigkeit. Damit erfüllt diese Art von Projekt Bedingungen, um in den vier Feldern der green competences der EU (link) real herausgefordert zu sein und im Handeln Kompetenzen zu erwerben.
„Der GreenComp umfasst 12 Kompetenzen, die in die nachstehenden vier Bereiche unterteilt sind:
1) Verankerung von Nachhaltigkeitswerten mit den Kompetenzen
• Wertschätzung der Nachhaltigkeit • Unterstützung der Gerechtigkeit • Förderung der Natur
2) Berücksichtigung der Komplexität der Nachhaltigkeit mit den Kompetenzen
• Systemorientiertes Denken • Kritisches Denken • Problemformulierung
3) Visionen für eine nachhaltige Zukunft mit den Kompetenzen
• Zukunftskompetenz • Anpassungsfähigkeit • Forschungsorientiertes Denken
4) Handeln für Nachhaltigkeit mit den Kompetenzen
• Politisches Handeln • Kollektives Handeln • Individuelle Initiative“ (Bianchi et.al. 2022, S.2)
Schülerinnen und Schüler, die extra etwas Neues lernen, um sich mit ihrem neuen Wissen einbringen zu können, mit betroffenen Menschen vor Ort sprechen und sich absprechen, die gemeinsam mit anderen Jugendlichen versuchen, kleine Zonen in einem verbrannten Ökosystem mit den eigenen Händen so wiederherzustellen, dass es vielleicht besser den nächsten Brand übersteht und sich aus sich selbst heraus regenerieren kann – diese Schülerinnen und Schüler verankern Nachhaltigkeitswerte, Berücksichtigen die Komplexität der Nachhaltigkeit, entwickeln Visionen für eine nachhaltige Zukunft und handeln für Nachhaltigkeit. Dies erfolgt in realen Bezügen, für die es sich lohnt, Lern- und Unterrichtszeit zu investieren. Dass dabei gleichzeitig Teile eines Ökosystems wiederhergestellt werden, ist u.E. wesentlich.
Bildung für nachhaltige Entwicklung durch das Entwickeln von etwas Nachhaltigem!
Die Anlage und Auswertung von Untersuchungen in unseren Projekten sichert das oberstufengemäße Arbeiten.
Ein wesentliches Problem bei BNE-Projekten ist der oft geringe zeitliche Umfang, den man gestattet, weil sie dem Lernen für das Abitur im Wege stehen. Aber dann, wenn man sich Zeit nimmt, gewinnt man oberstufengemäßen Tiefgang. So muss man den Begriff Resilienz nicht nur erlernen, sondern überlegen, wie man die Resilienz eines künftigen Ökosystems aufbauen und sichern möchte und wie man experimentell untersuchen könnte, wie gut die gewählte Strategie funktioniert.
Wir pflanzen also Biodiversitätsinseln dort, wo vor den Waldbränden eine Kiefernplantage stand und keine Mutterbäume mehr für artenreiches Saatgut und eine Naturverjüngung sorgen können. Aber welche Baumarten könnten dort für ein zukünftiges Klima geeignet sein? Und wie pflanzen wir sie so, dass sie unter den schon jetzt ungünstigsten Bedingungen einer sommertrockenen, heißen Kahlschlagsfläche überhaupt gedeihen können. Eine solche Untersuchung nicht nur akademisch zu planen, sondern auch wirklich anlegen zu wollen, braucht verinnerlichte Nachhaltigkeitswerte muss Komplexität berücksichtigen, benötigt Visionen und geht nicht ohne echtes Handeln. So gehen BNE und Wissenschaftspropädeutik zusammen.
Laura und Lucia aus unserer Partnerschule in O’Grove pflanzen u.a. Korkeichen, Pyrenäeneichen und Portugiesische Eichen in die assisted-migration-Untersuchung.
Ein Tropfen auf einen immer heißer werdenden, runden Stein im Weltall – aber es folgen hoffentlich weitere, die einen Wandel auslösen können
Dass es nächste, katastrophale Brände geben wird, ist so sicher wie das Amen in der Kirche – solange die Schulen Wissen von Gestern vermitteln, ohne es schon heute für die Gestaltung einer lebenswerten Welt von Morgen und für ihre eigene Veränderung in der Gegenwart nutzen zu können und zu wollen. Und solange die Gesellschaft sich nicht wandelt. Dafür arbeiten wir.
Das Oberstufen-Kolleg entwickelt und erprobt im ERASMUS-Konsortium „GATE“ Konzepte, wie ‚green competences‘ erworben werden können. Dabei geht es um Bildung für nachhaltige Entwicklung, die wir in diesen Projekten dadurch realisieren wollen, dass wir etwas hoffentlich Nachhaltiges gestalten und in den Folgejahren evaluieren.
Vielen Dank, liebe Kollis, für euren Einsatz in diesen Projekten!!!
Vielen Dank für die Teilförderungen dieser Entwicklungsarbeit an
die Leitung der Versuchschule Oberstufen-Kolleg sowie an
die Wissenschaftliche Einrichtung des Oberstufen-Kollegs (WE-OS) bei der Unterstützung des GATE-Projekts des OS, für das Dr. Andreas Stockey als Experte arbeitet und Noah Wessendorf das Projekt in Bild und Ton dokumentiert hat.
Weiterer Dank geht an die nationale Erasmus-Agentur beim Pädagogischen Austauschdienst sowie an das Erasmus-Team der EU.
Literatur:
Bianchi, G., Pisiotis, U., Cabrera Giraldez, M. GreenComp – der Europäische Kompetenzrahmen für Nachhaltigkeit. Bacigalupo, M., Punie, Y. (Redaktion), EUR 30955 DE, Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, Luxemburg, 2022; ISBN 978-92-76-53213-2, doi:10.2760/161792, JRC128040
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