Aufforstungsprojekte
BNE 25. Februar 2026
Von Mira Thomsen
Wir können nicht warten, bis die heutige Schülergeneration „irgendwann“ Verantwortung übernimmt. Nachhaltigkeit muss in der Schulzeit praktisch eingeübt werden – als Bildung durch nachhaltiges Entwickeln. Am Oberstufen-Kolleg geschieht das am Beispiel des Ökosystems Wald: In langfristigen Aufforstungs- und Forschungsprojekten lernen Kollegiatinnen, reale Probleme zu verstehen, Lösungen zu erproben und Verantwortung für ihre Umwelt zu übernehmen.
Das Wiederherstellen von Ökosystemen lernt man nicht (nur) im Klassenraum!
Ansprechpartner: Dr. Holger Bekel, Annica Konermann, Christian Schweihofen, Dr. Andreas Stockey
Kontakt und Materialanfragen: Christian Schweihofen
Es ist keine Zeit mehr darauf zu warten, bis die jetzige Schülergeneration in 30 oder 40 Jahren endlich verantwortungsvolle Posten in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft erstreiten und besetzen kann, um darüber dann noch die planetaren Grenzen einhalten zu können und die gesellschaftlichen Lebensgrundlagen zu retten. Und es ist unbestreitbar, dass das Lernen in den vier Kompetenzbereichen des europäischen GreenComp Modells am besten durch deren reale, direkte und reflektierte Nutzung in gesellschaftsbezogenen Projekten erfolgen sollte. In hinreichend komplexen Anforderungssituationen, wie es die Kompetenzdebatte formuliert. Es sollte also nicht „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ heißen. In unserem BNE-Verständnis entwickeln wir Konzepte, um für eine nachhaltige Entwicklung zu bilden, indem wir schon in der Schulzeit etwas Nachhaltiges planen, entwickeln und reflektieren. Wir wollen Kompetenzen und Fähigkeiten zur nachhaltigen, sozialökologischen Mitgestaltung vermitteln, einüben und anwenden lassen. Das braucht Zeit und Wiederholungen und geht nicht in einer Tagesveranstaltung. Es müsste also besser lauten: Bildung durch nachhaltiges Entwickeln. Oder Bildung durch das Entwickeln von etwas Nachhaltigem.
Lokaler Anwendungsbereich Ökosystem Wald
Wir brauchen den Wald als intaktes Ökosystem zum Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen (CO2-Speicher, Grundwasserbildung, Erosionsschutz, Klimaanlage), für den Erhalt der Artenvielfalt, in seiner Erholungsfunktion und letztlich brauchen wir v.a. Bäume auch als Rohstofflieferanten. Der Bestand des Ökosystems Wald scheint auch in Bielefeld durch eine Verknüpfung von Konsequenzen des Klimawandels (Wetterextreme wie Hitzewellen, Sommerdürre, Stürme; Kalamitäten durch Schädlingsbefall oder Waldbrandereignisse) grundsätzlich gefährdet zu sein. Daher ist es eine existenzielle Frage, wie „unser Wald“ als Ökosystem überhaupt wiederhergestellt (Resilienz) werden oder erhalten (Resistenz) bleiben kann, um nicht zum Bespiel von einer steppenartigen Vegetation ersetzt wird.
Wir wollen im Blick auf diese regionaltypische Problematik des Waldes am Oberstufen-Kolleg eine handlungsorientierende Bildung für nachhaltige Entwicklung, also eine Bildung durch das Entwickeln von etwas Nachhaltigem zum Ziel unserer Arbeit machen. Die Probleme und mögliche Lösungen sollen nicht nur im Klassenraum erschlossen und diskutiert werden. Alle Freilandprojekte thematisieren exemplarisch die Folgen und Szenarien des Klimawandels und wollen Handlungsmöglichkeiten nicht nur besprechen, sondern auch erproben und auf ihre Wirksamkeit hin untersuchen.
LIEBER WALD - Klimakrise und Waldsterben 2020
Aufforstungsprojekte als Bürger*innenwissenschaft in der Oberstufe als handlungsorientierte „Bildung für Nachhaltige Entwicklung"
(AProBOS BNE)
Unter diesem Titel seht unser grundsätzliches Projekt.
Im Rahmen unserer wissenschaftspropädeutischen Dokumentationen untersuchen wir die verschiedenen Flächen in den Folgejahren nach den Pflanzungen mit verschiedenen Kursen und Projekten und werten die Beobachtungsergebnisse aus. Wir pflegen dazu auch die Flächen, bis sie sich als waldnahe Ökosysteme wieder stabilisiert haben.
Die Hoffnung
Die Hoffnung ist bei diesem komplexen, projekthaften Arbeiten, dass die Kollegiat*innen einen emotionalen Bezug und ein Gefühl von Verantwortung für ihr lokales Ökosystem (als Teil der Welt) gewinnen und sich nicht bloß träges Wissen darüber aneignen. Das Erleben von demokratisch verfasster Gestaltbarkeit der eigenen Welt liegt uns dabei in der Kooperation mit den Projektpartnern am Herzen.
Echte, auch wissenschaftspropädeutisch relevante Kompetenzen und ein Verantwortungsgefühl für unsere Welt können dann besser erworben werden, wenn Kollegiat*innen mit Kopf und Herz und Hand lernen, wenn man ihnen Vertrauen schenkt und wenn sie die Realität innerhalb und außerhalb der Schule wirklich mitgestalten dürfen.
Unterrichtsbezüge
BNE verankern wir aus der Perspektive des Faches Biologie an verschiedenen Stellen, so dass die Lernenden die Aspekte regelmäßig und zunehmend komplex bearbeiten:
In einem Basiskurs Naturwissenschaften in der Eingangsphase. In einzelnen fächerübergreifenden Grundkursen der Hauptphase. In einem Verbund von drei Fächern in den fächerverbindenden Profilen, wobei die Profile 2 „Tomorrowland“ und 7 „NatureMeSociety“ einen ausgewiesenen BNE-Schwerpunkt haben. In Projekten und Exkursionen.
Typen von Aufforstungsmaßnahmen
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Wiederaufforstungen,
die insbesondere nach Kahlschlägen durch die Gefahren von Überhitzung, Austrocknung und Verbiss versuchen müssen, überhaupt wieder einen Wald zu bilden
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Präventive Waldumbauten,
die versuchen wollen, ein stabileres, biodiverseres Waldökosystem auszuprägen, bevor massive Störungen dieses lokale Ökosystem gefährden oder gar zerstören.
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Waldneugründungen,
die eine bisherige Nicht-Waldfläche, z.B. eine Brache oder eine Ackerfläche, in eine Waldfläche umwandeln. Aber auch das Pflanzen bzw. Ergänzen von Stadt- oder Alleebäumen sowie das Einrichten von Agroforstsystemen als besondere Form der Kombination aus Land- und Forstwirtschaft fallen in diese Rubrik (vgl. Schweihofen et al. 2022, S. 94f.).
Die Ranger Story: Wald und Wissenschaft - Das Oberstufen-Kolleg Bielefeld pflanzt Bäume
Unsere Aufforstungsprojekte finden in drei Regionen statt:
Bielefelder für Bielewälder
In der Region Bielefeld arbeiten wir unter dem Motto „Wälder der Zukunft – Schulen für nachhaltiges Waldentwickeln“ in einem Netzwerk der Zukunftsschulen.
Die Projekte in Bielefeld setzen wir mit fachkundiger Beratung durch das Regionalforstamt OWL in Kursen, Profilen und Projekten in „Waldpartnerschaften“ kooperativ um.
Mit dem Umweltbetrieb Bielefeld, Abteilung Forsten verfolgen wir an 210 Schwarznussbäumen in Olderdissen, welche Art von Verbissschutzmaßnahmen sich wie gut eignen.
In Schröttinghausen untersuchen wir u.a., welche Baumarten sich in einer Mischung von Waldkiefern, Schwarzerlen, Stieleichen und Schwarznüssen auf einer Kahlschlagfläche mit unterschiedlicher Bodenfeuchte im Klimawandel unter gegenseitiger Konkurrenz wie gut behaupten und inwieweit Schwarzerlen, Eichen und Brombeeren sich gegenseitig stabilisieren oder behindern.
Am Wittenberg in der Nähe zu Werther gehen wir unter dem Stichwort „unterstützte Wanderung“ (assisted migration) auf einer Kahlschlagfläche der Frage nach, inwieweit sich trockenresistentere Bäume aus einer Region mit sommertrockenem, aber dennoch frostreichen Klima in Südtirol hier schon jetzt in einem Mischwald halten können und wie man sie am besten anpflanzt. Außerdem erproben wir, inwieweit die punktuelle Schwarzerlen-Einbringung eine Farnfläche besser aufforstbar macht.
Im alten Schulgarten der Stadt Bielefeld fragen wir, inwieweit es einen künstlichen Verbissschutz braucht, wenn man junge Rotbuchen in Gruppen in einem Dickicht aus Brombeeren pflanzt und inwieweit ein biologischer Schutzschirm aus Schwarzerlen um die Buchen herum auch als natürlicher Verbiss- und Schneebruchschutz geeignet ist.
Zukunftswald Unterschönau
In der Region Thüringen kooperieren wir mit dem Bergwaldprojekt e.V. bei der Etablierung des „Zukunftswald Unterschönau“ – Exkursionen im Profil 2: „Tomorrowland“.
Wir fahren mit Kollegiat*innen jährlich im Herbst nach Unterschönau in Thüringen. Dort hat die Stiftung Greenpeace gemeinsam mit den Bergwaldprojekt e.V. einen Bergwald in der Höhe von 600m bis 900m und einer Fläche von etwa 200ha erworben. Er ist dominiert von der forstwirtschaftlich typischen, aber ökologisch eher ungeeigneten Fichtenmonokultur. Diese brechen derzeit vom Sauerland bis in den Harz durch Trockenheit, Stürme und in der Folge den Befall mit Borkenkäfern in katastrophalem Ausmaß zusammen. Kann es in Thüringen gelingen, schon rechtzeitig vor der drohenden Fichtenkalamität den Wald so umzubauen, dass das Ökosystem Wald nicht grundsätzlich gefährdet ist? Naturnaher Mischwald mit hohem Anteil von Laubbäumen sowie die Wiedereinführung der Weißtanne sind die Ziele.
Aber welche Eichen- und Weißtannenherkünfte sind für welche Standorte im Hinblick auf Höhe, Hangsteilheit und Exposition geeignet? Ist es sinnvoller, zu säen oder zu pflanzen? Wie können die jungen Bäume effektiv gegen Verbiss geschützt werden? Das sind die Fragen, die in einem gemeinsamen Untersuchungsprojekt in den kommenden Jahren bearbeitet werden sollen.
Future European Forests
In der Region Galicien beginnen wir mit Erasmus-Unterstützung (DE03-KA120-SCH-000110122) unter dem Motto: „Future European Forests“ ein internationales Schulnetzwerk zum Thema Bildung durch nachhaltiges Entwickeln – Aufforstungsprojekte.
„Future European Forests“ – Erasmus
In enger Kooperation mit den Schüler*innen und Kolleg*innen der Partnerschulen IES Monte da Vila sowie der Escola de Capataces Forestais haben wir in unseren zweiwöchigen Projekten zwei Arbeitsschwerpunkte. Wir entwickeln jeweils Perspektiven, wie Schulen, Gemeindeverwaltungen und Waldbesitzkooperativen Ökosysteme wiederherstellen oder für den Klimawandel resistenter machen können. Damit schaffen wir hoffentlich gute Beispiele, wie das neue EU-Gesetz (pdf) umgesetzt werden kann und welche nützlichen Fähigkeiten man dabei schon in der Schule erwerben kann.
Im ersten Vorhaben auf der Halbinsel O’Grove versuchen wir dort, wo derzeit eine feuergefährliche Eukalyptus-Monokultur aus den 1960er steht, den ursprünglichen atlantischen Küstenwald aus Pyrenäen-Eichen und Lorbeerbäumen zu regenerieren. Dabei unterstützt uns die Verwaltung des Nationalparks der galicianischen Atlantikinseln. In welchen Schritten ist ein Waldumbau möglich? Sollten die Bäume besser gesät oder gepflanzt werden? Welche Rolle spielen die Bodenorganismen (Bakterien und Pilze) für die Regeneration des Ökosystems.
Im Kontrast dazu steht das zweite Vorhaben. Dieses führt die Projektteilnehmer*innen in das Biosphärenreservat „O Courel“. Dort sind 2022 von einem Hitzegewitter die größten und intensivsten Waldbrände seit Menschengedenken ausgelöst worden. Innerhalb einer Woche sind über mehrere zusammenhängende Täler hinweg etwa 12.500 Hektar Wald- und Heideflächen zerstört worden. Ein Kultur- und Museumsdorf wurde ausgelöscht und die Lebensgrundlage der nur etwa 1.000 verbliebenen Einwohner massiv gefährdet. Das kleine Dorf Vilamor do Courel mit seinen 42 Einwohnern und etwa 64 Kleinrindern verfügt über 450ha aufzuforstende Wald- und Weidefläche. Genau hier wollen die Lernenden aus den Partnerschulen in den nächsten Jahren den Wiederaufbau der Ökosysteme unterstützen und in Kooperation mit der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde untersuchen: Wie sinnvoll oder sogar gefährlich ist es für den Erhalt des Ökosystems Wald, wenn alle verbrannten Bäume abgeholzt und mit schweren Maschinen abtransportiert werden? Wie effektiv sind Neuanpflanzungen im Vergleich zur Aussaat durch Menschen oder Eichelhäher? Solche Fragen und Untersuchungskonzepte werden in den basisdemokratischen Prozessen mit der örtlichen Waldgemeinschaft besprochen, bevor sie umgesetzt werden.
Projektdokumentation von einem Kollegiaten zu unserer ersten Erasmus-geförderten Kooperation
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