GATE-Konferenz am Oberstufen-Kolleg Bielefeld, 21. bis 25.09.2026
Wie die Versuchsschule demokratische Beteiligung fördert und transformative Pädagogik konkret werden lässt, indem sie wissenschaftspropädeutisch arbeitet und Kollegiatinnen und Kollegiaten fächerübergreifende Projekte und Profile umsetzen.
ERASMUS+Schule
Citizen science and democratic participation regarding reforestation after forestfire
Thanks to: The amazing students from IES Monte da Vila O'Grove; CFEA Lourizan, Pontevedra; Oberstufen-Kolleg Bielefeld, Dr. Andreas Stockey (University of Bielefeld) and finally Amelie Grabe (University of Paderborn), who produced this video.
Profil 7 und Projektarbeit als Kernelemente der GATE - Train the Trainer Konferenz
Was in Konzeptpapieren zu transformativer Bildung häufig noch wie eine anspruchsvolle Zukunftsvision klingt, wurde für die 29 Teilnehmenden der GATE-Konferenz in Bielefeld an vielen Stellen konkret erfahrbar: Schülerinnen und Schüler arbeiten mit Fachwissen, erheben Daten, prüfen Deutungen, entwickeln Handlungsoptionen und bringen Ergebnisse in reale schulische und gesellschaftliche Entscheidungsprozesse ein, die Ökosysteme wiederherstellen oder erhalten sollen.
Besonders prägend war für die Gäste der Austausch mit Kollegiatinnen und Kollegiaten des Profils 7 „Nature, Me, Society“. Mehrfach kamen die Teilnehmenden aus den sieben Partnerinstitutionen mit den ‚Kollis‘ ins Gespräch. Ihre Offenheit, ihre Bereitschaft zur Selbstreflexion und ihr ernsthaftes Engagement beeindruckten die internationalen Gäste außerordentlich. Dabei ging es nicht um eine inszenierte „Best Practice“, sondern um Lernprozesse mit offenen Fragen, Unsicherheiten, fachlichen Anforderungen und realen Konsequenzen.
Gerade dadurch erweiterte sich das Verständnis vieler Konferenzteilnehmender davon, was GreenComp-Kompetenzen in der Schule überhaupt bedeuten können. Wissen, Fähigkeiten und Einstellungen erscheinen nicht als drei getrennte Punkte, die im Unterricht nacheinander „abgearbeitet“ werden. Sie werden dann bedeutsam, wenn sie in einer komplexen Situation zusammenwirken: wenn fachliches Wissen hilft, eine unbekannte Situation zu verstehen; wenn Untersuchungsmethoden genutzt werden, um eigene Daten zu erzeugen; wenn Ergebnisse diskutiert, begründet und schließlich in Entscheidungen und Handlungen übersetzt werden. Und das ist mehr, als pressewirksam an einer Müllsammelaktion oder einer organisierten Baumpflanzaktion teilzunehmen.
Klimaangst und der Umgang damit sollte von Fachleuten thematisiert werden
Die Teilnehmer erhielten auch Einblicke in den Unterricht im Studienfach Psychologie. Dort bearbeiteten Kollegiatinnen ihre bei einer Exkursion aufgetauchte Frage, inwieweit mit verstörenden Erlebnissen in gigantischen Waldbrandgebieten hilfreich umgegangen wurde und wie es künftig noch verantwortlicher erfolgen könnte. Dieser echte, problemorientierte Unterricht über Fachgrenzen hinweg, der die pädagogische Praxis der eigenen Schule stärken kann, überzeuge die Fachleute aus dem GATE-Konsortium sehr.
Versuchsschule als Möglichkeitsraum
Für die Gäste wurde damit zugleich sichtbar, welche Bedeutung die besonderen Bedingungen des Oberstufen-Kollegs als Versuchsschule haben. Wissenschaftspropädeutik, fächerübergreifende und fächerkoordinierende Profile sowie längere Projektphasen sind hier nicht bloß programmatische Begriffe. Sie schaffen reale Zeit- und Lernräume, in denen Fachwissen nicht nur reproduziert, sondern gestaltend verwendet werden kann.
Das zeigte sich beispielhaft in den Arbeiten zu Waldökosystemen und Wiederbewaldung. Kollis erheben Daten, vergleichen Standorte, prüfen Hypothesen und bringen ihre Ergebnisse in basisdemokratisch organisierte Gremien zur Wiederherstellung von Ökosystemen ein. Wissenschaftliche Erkenntnisgewinnung und gesellschaftliche Entscheidung werden dadurch nicht vermischt, aber aufeinander bezogen: Aus Daten folgt nicht automatisch, was getan werden soll – doch ohne Daten und Fachwissen bleiben Entscheidungen schnell beliebig.
Wie man ein phantastisches Transformationsprojekt wie das Erhalten einer gemeinwohlorientierten 1ha großen Obstplantage für die Nachbarschaft und als Ökosystem zum Thema von Projektlernen und zur Förderung der Greencompetences machen kann, wenn man mit einem offenen Ohr mit den Menschen im Schulumfeld spricht, rührte und ermutigte die Konferenzteilnehmenden in einer lebhaften Diskussion sehr.
Auch andere Beiträge machten die Verbindungen von Unterricht und realen Transformationen durch Lernende sichtbar. Gereon Inger stellte das Konzept von Kursen zur demokratischen Partizipation und konkrete Beispiele vor. Ian Voss weitete den Blick auf die Schulentwicklung und auf Bedingungen, unter denen einzelne Projekte tatsächlich strukturelle Wirkung entfalten können. Gerade diese Perspektive war wichtig: Nachhaltigkeitsbildung darf nicht in eine Aktionismusfalle geraten. Einzelne Aktionen können motivieren und wertvoll sein – transformative Pädagogik verlangt aber zusätzlich Reflexion, fachliche Fundierung, Anschluss an schulische Strukturen und die Frage, wie Ergebnisse dauerhaft wirksam werden.
Zwischen Klimaanpassung und politischer Transformation
Die Vorträge am Mittwochmorgen öffneten diesen Horizont noch einmal weiter. Die Auseinandersetzung des ehemaligen Kollegiaten Paul Plassmann, der sich jetzt bei der Stadt Bielefeld mit Klimaanpassung auch in Schulen befasst machte deutlich, dass der Umgang mit bereits eintretenden Folgen des Klimawandels unvermeidlich geworden ist. Gleichzeitig stellte sich mit dem Handprint-Ansatz, den Stefan Rostock von Germanwatch ergänzend und aktivierend vorstellte, die weiterführende Frage, wie Bildung über individuelles Verhalten und einzelne Projekte hinaus zu politischen und strukturellen Veränderungen beitragen kann.
In der Verbindung dieser Perspektiven – Anpassung, wissenschaftlich fundierte Untersuchung, politisches Handeln, schulische Transformation und demokratische Beteiligung – gewann die Arbeit an den fünf GATE-Microcourses deutlich an Kontur. Die Hoffnung ist, dass daraus nun kein Nebeneinander einzelner Online-Module entsteht, sondern ein gemeinsamer roter Faden erkennbar wird: von der Frage, was erreicht werden soll, über den Aufbau von Wissen und Fähigkeiten, die Organisation der Schule und die Selbstevaluation bis zur Planung, Durchführung und erneuten Evaluation realer Veränderungen.
Ein GATE-Projektergebnis: Schulentwicklung als Doppelspirale
Transformation als wiederholter Zyklus aus Untersuchung, Deliberation, Planung, Umsetzung und Evaluation. Nach einer Veränderung leben und lernen Schülerinnen und Schüler in einer veränderten Schule; neue Erfahrungen und Fragen können einen weiteren Transformationszyklus eröffnen.
Die im GATE-Projekt entwickelte Doppelspirale fasst eine zentrale Einsicht der Konferenz zusammen. Schulentwicklung zu mehr Nachhaltigkeit ist weder eine lineare Abfolge fertiger Maßnahmen noch eine Serie voneinander unabhängiger Projekte. Ein erster Transformationszyklus verändert die Schule. Danach entsteht eine neue Ausgangslage: Schülerinnen und Schüler erleben die bereits veränderte Umgebung, folgende Jahrgänge beobachten andere Probleme, und aus Evaluationen entstehen neue Fragen. Transformation wird so zu einem lernenden, wiederholten Prozess.
Hierzu stellte Andreas Stockey, der in dem Projekt als Experte für Nachhaltigkeit und Transformation beschäftigt ist, wertvolle Konzepte wie das Backcasting vor, bei dem man sich mutig ein umfassendes und anspruchsvolles Ziel wie eine ‚Nachhaltigkeit lernende Schule‘ setzen darf, für das man dann in kleinen Schritten der Spiraldurchläufe auch im Falle kleinerer Rückschritte die größere Vision vor Augen behält, statt wie beim Forcasting im Hangeln von sich bietender Möglichkeit zu Möglichkeit visionsarmen Opportunismus zu verwalten, der keinen Spirit einer wünschenswerten Zukunft bietet.
Dabei müssen nicht alle Lernenden zu jedem Zeitpunkt sämtliche Schritte selbst durchlaufen. Manche erleben eine bereits veränderte Schule, andere nehmen an einzelnen Aktivitäten teil, wieder andere untersuchen, planen, entscheiden, setzen um und evaluieren. Entscheidend ist, dass Schule Möglichkeiten eröffnet, zwischen diesen Formen des Lernens Verbindungen herzustellen – und dass anspruchsvolle Transformationskompetenz dort entstehen kann, wo Wissen und methodische Fähigkeiten in unbekannten realen Situationen tatsächlich gebraucht werden.
Autonomie nicht als Grenze, sondern als Auftrag
Der abschließende Vortrag von Prof. Martin Heinrich zu den Autonomieproblemen von Schulentwicklung wirkte vor diesem Hintergrund keineswegs ernüchternd. Im Gegenteil: Nach einer Woche, in der die Gäste erleben konnten, wie produktiv und verantwortungsvoll eine Versuchsschule ihre besonderen Freiräume nutzen kann, schärfte die theoretische Perspektive die Frage, unter welchen Bedingungen solche Möglichkeiten auch andernorts entstehen können.
Damit öffnete sich zugleich der Horizont für das nächste konkrete Arbeitspaket von GATE, die Beratung mit Lehrplanmachenden. Wenn Schulen transformative Pädagogik nicht nur zusätzlich zu einem bereits vollständig gebundenen Curriculum organisieren sollen, muss die Kommunikation mit Lehrplanschreibenden und Bildungsadministrationen beginnen. Die Frage lautet dann nicht einfach, welche weiteren Nachhaltigkeitsinhalte in Lehrpläne aufgenommen werden sollten. Zu klären ist vielmehr, wie fachliches Wissen, übergreifende Kompetenzen, Prüfungen und verfügbare Lernzeit so aufeinander bezogen werden können, dass Schülerinnen und Schüler Wissen wirklich erwerben, es auf neue Situationen übertragen und damit verantwortlich handeln können.
Für das Oberstufen-Kolleg wurde in dieser Woche damit auch etwas sichtbar, was im Alltag leicht selbstverständlich erscheinen kann: Die Kombination aus Wissenschaftspropädeutik, fächerübergreifenden Profilen, Projektarbeit und demokratischen Beteiligungsformen ist nicht nur eine Besonderheit der Versuchsschule. Sie kann für andere europäische Bildungsinstitutionen zu einem Anschauungsraum dafür werden, wie aus anspruchsvollen Konzepten konkrete Lern- und Schulentwicklungsprozesse entstehen.
Konferenzbezug
GATE Partner Meeting /Capacity-Building Conference, Bielefeld, September 2026.
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